Welt auf den Kopf gestellt

Kenneth George web1Kenneth Philip George war als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor in Indien, Japan, Korea, der USA und Europa tätig. Für die Berliner Theatertruppe "Shakespeare & Partner" inszenierte er nun die "Komödie der Irrungen"

Shakespeare - ehrwürdiges Theater? Ein Stück für das "Bildungsbürgertum"? Wie sehen Sie das?

Sobald wir Etwas als ehrwürdig bezeichnen, haben wir unseren Umgang mit diesem Etwas begrenzt. Ich versuche Shakespeare als Stoff zu betrachten, als Material, welches uns zur Verfügung steht. Wie Shakespeare selbst bereits existierende Kulturgüter verarbeitet hat, (Geschichte, Gedichte, Stücke und Mythen aus der Griechischen und Römischen klassischen Zeit, die Geschichte Englands ...), um seine Stücke zu schreiben, nehmen wir uns heutzutage die gleiche Freiheit mit seinem Werk. Wenn es uns nötig scheint anachronistische Redewendungen, Witze und/oder gewisse Inhaltspunkte zu aktualisieren. Shakespeare schrieb für alle Menschen. Sein Globe Theater war sowohl vom Adel als auch vom Volk besucht. Er hat seine Sprache und Erzählweise so entwickelt, dass er beide ansprechen, beide unterhalten, konnte. Es war ihm wichtig, dass sowohl der König, als auch die Prostituierte und der Gauner sich in seinem Theater amüsieren. Ein jeder kann sich in Shakespeares Werk wiederfinden, seine Welt und Gesellschaft gespiegelt bekommen, Werte und Probleme werden ernst genommen und untersucht. Deshalb würde ich Shakespeare weder als ehrwürdiges Theater betrachten, noch seine Stücke für das Bildungsbürgertum begrenzen wollen. Shakespeare belehrt nicht, bewertet nicht, beurteilt nicht, kategorisiert nicht. Wir versuchen, das auch in unserer Arbeit zu vermeiden.

Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit (speziell auch bei diesem Stück) das Wichtigste?

Inhalt und Prozess. Das wichtigste Element unserer Arbeit ist die Geschichte. Form steht immer im Dienst des Inhalts. Um den Inhalt am Besten vermitteln zu können bedienen wir uns an allen möglichen Formen des Theaters, abhängig von den jeweiligen Produktionsbedingungen. Mit Prozess meine ich den Weg von der Entscheidung (was für ein Projekt; welches Stück) zur Aufführung. Theatermachen ist „gemeinsam mit anderen Menschen kreieren“; ist die Suche nach der passenden Form um die Inhalts-Punkte zu enthüllen und dann klar darzustellen. Dieses Geschichten-Erzählen findet in einem offenen Raum mit anderen Menschen statt; das heißt in Begegnung mit dem Zuschauer. Jede Aufführung ist eine Begegnung – jede Begegnung ist immer noch Teil dieses Prozesses. Wir liefern kein fertiges Endprodukt für einen allgemeinen Konsum. Wir möchten damit so viele Menschen wie möglich erreichen: uns gemeinsam mit dem Publikum mit Themen auseinandersetzen die uns beschäftigen; zum nachdenken provozieren; uns unterhalten. Offensichtlich handelt es sich in Shakespeares Komödie der Irrungen um eine Komödie. Aber auch hier - wie oft bei Shakespeare - sind die Linien zwischen Komik, Tragik und Epik nicht immer in schwarz-weiß differenziert. Unsere Arbeit besteht darin, für jede Szene im Stück die passende Erzählform zu finden. Dabei entdecken wir zum Beispiel, dass während eine Szene purer Slapstick sein kann, eine andere Szene eine tragische Erzählweise benötigt, um in die Tiefe einer menschlichen Seele einzutauchen. Anders gesagt, wir können nicht das gesamte Stück als lediglich eine Komödie oder Farce bezeichnen. Wir müssen achtsam mit dem Stoff umgehen, dabei realisieren wir immer wieder dass Shakespeares Theater eine Mischung aus verschiedenen Formen ist; und so ist auch unsere Produktion aufgebaut.

Worin sehen Sie die zentrale Aussage der "Komödie der Irrungen" und wie haben Sie diese umgesetzt?

Wie gesagt, auf den ersten Blick handelt sich Shakespeares Komödie der Irrungen um einen schnellen Slapstick. Aber auch in den scheinbar leichtsinnigen Komödien gibt es bei Shakespeare einen Hauch existentieller Dunkelheit unter der sonnigen Oberfläche: der Abgrund des Seins, der Terror des Unwissens was das Ich wirklich ist... In Komödie der Irrungen ... werden Figuren aus ihrer bekannten Welt entwurzelt. ... werden bisher als selbstverständlich aufgenommene „Sicherheiten“ fremd. ... wird das Ich eine noch aufzulösende, identitätslose Bewegung. ... ist Transformation nur möglich nachdem man ins Dunkel und Chaos hinab stieg. Um diese Themen von Verlust und Angst, Gewalt und Chaos zu explorieren, fanden wir es nötig, zuerst eine Welt darzustellen wo Ordnung und Form die höchsten Werte sind. Eine extrem starr organisierte Gesellschaft, in welcher jeder seine Rolle und Funktion kennt; wo niemand die Ampel bei Rot überquert; wo alles pünktlich, korrekt und effizient ist. Diese Welt fällt in Chaos und Unsicherheit, wenn plötzlich unerwartete Sachen entstehen. Das Bühnenbild und die Kostüme sind dafür gedacht, eine Welt zu kreieren die wir als eine wohl-habende Stadt im Heute erkennen, mit Menschen die scheinbar „upper-class“ Geschäftsleute sind. In Gesten, Manieren und Handeln würde man von diesen einen bestimmten Anstand erwarten. Durch unsere schauspielerischen Entscheidungen versuchen wir diese Erwartungen zu enttäuschen, die entstehende Desorientierung erzeugt die Verwirrungen, welche die zentralen Themen des Stückes für das Zuschauer aktuell machen. Die bekannte Welt ist auf den Kopf gestellt.

[veröffentlicht in den Kulturnachrichten 4/2012]